Es ist Sommer, es ist heiß, ich bin träge. Es geht mir nicht gut. Alles ist zu viel. Ich will auf der faulen Haut liegen, am besten im Schatten, noch besser im Wasser. Ist da überhaupt Zeit und Energie, um mich mit Innerlichkeit und Selbstveränderung zu beschäftigen?

Ja, überraschenderweise ja. Und das hätte ich vor diesen Tagen und diesen Erfahrungen nicht gedacht.

Aber zunächst einmal zum Anfang. Der Name des Seminars, das an einem See stattfinden sollte, hörte sich erst einmal harmlos an: „Schwellenpaddeln“. Paddeln also, über Schwellen paddeln und auf seine Wahrnehmung achten. Auf sein Inneres. Sehr spannend. Und erst die Bilder auf der Website: Sehr einladend.

 

Der Verlauf orientiert sich am indigenen Medizinrad, den sogenannten „Vier Schilden“. Das kann man gut googeln, denn ich möchte nicht weiter darauf eingehen, außer, dass es ein ganzheitliches eben nicht lineares Entwicklungs- und Orientierungsmodell ist, das sich an den Himmelsrichtungen, den Jahreszeiten oder den Entwicklungszeiten des Menschen orientiert.

Ganz nach dem Motto des Sommers starten wir im Süden. Der steht für Körperlichkeit, Sinnlichkeit, Zugehörigkeit, Genuss oder biografisch für die Kindheit. Und ganz diesem Motto folgend werden wir nach einer kurzen Einführung aufs Wasser gelassen. Spielerisch erkundend, sich ausprobieren, in Kontakt kommen.

 

Den nächsten Tag können wir uns in der Weite einer längeren Tour ausprobieren. Wir paddeln(!) früh los, haben Zeit, über eine fiktive Schwelle eines Kanals zu gleiten, haben Zeit ,die Natur auf uns wirken zu lassen und uns in ihrem Spiegel zu betrachten. Dazu sitzen wir in einer Pause an Land im Council und erzählen und spiegeln uns unsere Eindrücke und Begegnungen. Aber noch immer sind wir im Süden, genießen bei einer Pause Eis und Kuchen und kommen erschöpft und erfüllt von all den Eindrücken im Camp wieder an.

Am nächsten Tag wird es dann innerlicher und ernster. Wir sind im Westen angelangt. Es gibt Fragen, mit denen wir allein in den Wald geschickt werden: Stimmt mein Kurs? Was behindert mich? Was muss ich vielleicht loslassen, um leichter diesem Kurs folgen zu können. Wir sollen das alles in kurze Sätze fassen.

Aber es bleibt nicht beim Nachdenken, Reden und Philosophieren.

Am Nachmittag machen wir uns auf den Weg … (ich will hier nicht zu viel verraten)... jetzt bekommen wir die Aufgabe, loszulassen, … und zu Kentern ! Das ist heftig. Keiner aus unserer Gruppe kennt diese Erfahrung. Es ist ein Sprung, bzw. eher ein Fall, ins Unbekannte. Wow. Was für eine Heraus-Forderung.

Mit einer großen Portion Unsicherheit steige ich in das Kajak und paddle auf den See....

Ja, es hat geklappt, es ist nichts passiert. Außer, dass mir dieser Moment eindringlich in Erinnerung bleiben wird. Dieser besondere Moment, in dem ich die Herausforderung annehme und mich dazu überwinde, meine Kontrolle loszulassen, mich selber aus dem Gleichgewicht bringe. Dieser Moment, diese Erfahrung hat sich tief eingeprägt. Alles frohe Gesichter um mich herum. Was für ein befreiendes Gefühl. Alle aus der Gruppe haben sich dieser Herausforderung, diesem Fall ins Unbekannte, gestellt und sie für sich bewältigt.

Für mich war das eine initiatorische Erfahrung:

Der Schritt in die Selbstverantwortung, in dem ich wieder und wieder etwas mehr loslasse, was mich an einem auch der Gemeinschaft dienenden Leben hindert. Kein leichter Schritt, ein Schritt, der mir etwas abfordert, bei dem es gilt, etwas Vertrautes loszulassen. Ein Fallen, das doch immer wieder belohnt wird.

Nein, Kentern ist keine reine Mutprobe, kein bungee jumping, auch wenn beides Mut erfordert (und Vertrauen). Diese Art von Mut steht für mich im Dienst einer Sache, weil sie die notwendige Bekräftigung einer Erkenntnis ist. Ein Preis für etwas Anderes, den ich bereit bin, zu bezahlen.

Um einer Sache willen, die ich „das größere Ganze“ nennen kann.

Es ging dann noch weiter im Medizinrad, über die Klärung und Konkretisierung meines Kurses im „Norden“ und der Unterstützung im „Osten“, auch hier will ich nicht mehr verraten. Was mich tief beeindruckt hat, ist vor allem die Erfahrung dieses „speziellen“ Kenterns.

Danke an Bettina und Jens von den „Naturkreisläufern“, danke an die Gruppe, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Eine Erfahrung der Bekräftigung, die mich gestärkt hat und die mich weiter begleiten wird, gespeichert im Bild meines kenternden Kajaks... .

HO!

Walter, August 2020